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anna maria brinkel

Sturm

Der Sturm war nah, die Barometer fielen und die Barmänner räumten die Terrassen der Straßencafés, stellten Tische und Stühle zusammen und klappten die bunten Sonnen- schirme ein. Die schmutzigen Kinder, die auf der staubigen Straße spielten, wurden von ihren Müttern ins Haus gerufen. Die nicht wollten, wurden am Arm hineingezogen; die strampelten und sich wehrten, bekamen eine Ohrfeige und wurden ohne Essen ins Bett geschickt. Graue Wolkentürme über dem östlichen Horizont warfen einen dunklen Schatten auf die Gassen und Häuser der kleinen Stadt. Draußen auf dem Land senkten sich bleiche Sonnenstrahlen durch die letzten Wolkenlücken in silbergrauen Schleiern zur durstigen Erde hinab.
Der Sturm war nah, die Thermometer fielen und der erste Windstoß ließ die Fensterläden der kleinen Häuser wild klappern. Die Letzten, die noch in den Straßen ausgeharrt hatten, schlugen sich ihre Arme um den Körper, zogen sich die Mützen tiefer ins Gesicht und betrachteten abschätzend die Gewitterfront, die wie eine schwarze, träge Woge über der Stadt stand und über ihnen zusammenzuschlagen drohte: Das erste Donnergrollen scheuchte auch die mutigsten Menschen in ihre Häuser. Niemand hörte mehr das Geräusch, welches sich von der Hauptstraße her näherte. Der Scheinwerfer eines Motorrades erhellte kurz den bereits windgepeitschten Pinienhain am Rande der kleinen Stadt, als es um eine Kurve bog und mit hoher Geschwindigkeit in die engen Gassen eindrang. Es wurde von keinem Bewohner gehört oder gesehen, außer von den Kindern, die ohne Essen ins Bett geschickt worden waren. Sie saßen in ihren Zimmern am Fenster und starrten sehnsüchtig hinaus, wünschten sich, doch draußen sein zu dürfen, um dem Sturm die Stirn bieten zu können. Sie, die keine Angst hatten und ihre kleinen Nasen an das kalte Glas der Fensterscheiben drückten, sahen das Scheinwerferlicht um die Häuserecken huschen, meinten zu hören, wie der Fahrer den Gang wechselte und den Motor beim Beschleunigen aufheulen ließ. Einige, die Löcher in den kondensierten Atem an ihren Fensterscheiben wischten, um besser sehen zu können, erhaschten vielleicht auch einen Blick auf die kleine Maschine englischer Bauart und auf den schwarz gekleideten Fahrer, der tief über das Lenkrad gebeugt da saß und seine Hände im rasenden Wechsel von Bremsen, Kuppeln und Gasgeben bewegte. Vielleicht sahen sie auch den etwas kleineren Sozius, der sich hinter dem breiten Rücken des schwarz Gekleideten duckte. Sie sahen sein kastanienbraunes Haar, welches in einem langen, schweren Zopf unter dem Helm hervorschaute, in den ersten Sturmböen peitschen.
Das kleine Motorrad schoss aus der Stadt hinaus, wie es hinein gefahren war: Unbeachtet, außer von einigen unartigen Kindern, denen man am nächsten Morgen keinen Glauben schenkte, als sie erzählten, sie hätten am Abend Zwei gesehen, die vor dem Sturm geflüchtet wären.
"Vor dem Sturm flüchten? Dummheiten! Vor dem Sturm kann man nicht flüchten. Man erträgt ihn und hofft, dass er einem nicht das Haus über dem Kopf zusammenstürzen lässt."
Die beiden Motorradfahrer interessierten sich nicht dafür, was die Menschen in dem kleinen Ort am nächsten Morgen über sie sprechen würden. Sie konzentrierten sich auf ihre Flucht, auf ihre auswegslose Suche. Auf der Landstraße, auf die sie abgebogen waren fuhren sie wieder hinaus auf das flache Land, immer geradeaus, weg von dem drohenden Sturm. Vor ihnen lag der abendlich dunkelblaue Himmel, hinter ihnen folgte die Gewitterfront: Eine Woge schwarzen Wassers, welche von innen heraus blaugrün zu schimmern schien und von hellen, zuckenden Blitzen durchzogen war, als hätte ein geisterhafter Pulsschlag sie zum Leben erweckt.
Windböen zerrten und zogen an ihren Helmen, ließen ihre Nacken sich versteifen und krochen durch jedes Loch, durch jeden Durchschlupf ihrer Kleidung, bis sie weder Füße noch Hände mehr spüren konnten. Die Frau, die krampfhaft versuchte, mit ihren klammen und kalten Händen an der glatten, durch den Wind aufgeblähten Jacke des Fahrers irgendeinen Halt zu finden, hatte ihren behelmten Kopf an seine Schulter gelegt und die Augen fest geschlossen.
Die Tränen und Angstschweißperlen, welche ihren Hals hinunterliefen und in ihr Dekolleté tropften, spürte sie
kaum. Ihr Schluchzen war ein unvernehmbarer Laut. Das Toben des Fahrtwindes in ihren Ohren hatte ihn verstummen lassen. Ihre verkrampften Beine zitterten vor Anstrengung und Kälte. Ab und zu öffnete sie die Augen für den Bruchteil einer Sekunde, so dass sich einzelne Bilder der vorbei fliegenden Landschaft in ihre Netzhaut brannten:
Ein einsamer Baum auf einem Hügel inmitten endloser Felder, deren tiefe Furchen sich bis zum Horizont zu erstrecken schiene, sich in der dunstigen Weiter verloren, vom Schatten noch unberührt und noch in das letzte, fahle Licht der schwächer werdenden Abendsonne getaucht.
Eine Schlossruine, deren bröckelnde Mauern sich weiß gegen den sich verdunkelnden Himmel abhoben und deren Fensterhöhlen vom heraufziehenden Sturm ungerührt in das Land hinausblickten, kalt und verlassen. Einen künstlich angelegten Pappelwald, dessen Bäume von ausnahmslos gleicher Größe, in schnurgeraden Linien angepflanzt, durch die peitschenden Sturmböen in einen seltsam geordneten Tanz gezwungen wurden; Im Rhythmus des Donners, dem Rauschen der Blätter in den Wipfeln, zum Lichtkegel des Motorrades und dem Zucken der Blitze hinter ihnen.
Sie beobachtete die ersten Regentropfen, die Boten der Niederlage, die vom Helm des Fahrers hinunterperlten, in vom Fahrtwind erzwungenen, fast waagerechten Linien an ihm entlang flossen und deren rhythmisches Trommeln auf ihren eigenen Helm sie fast um den Verstand brachte. Plötzlich veränderte sich das Fahrtgeräusch, das Tosen in ihren Ohren wurde leiser und sie vernahm durch das Prasseln des Regens und das nahende Donnergrollen das Jaulen des Motors, als der Fahrer einen Gang zurückschaltete. Erschrocken stellte sie fest, dass sie an Fahrtgeschwindigkeit verloren hatten. Der Fahrer ließ die Maschine ausrollen. Sie kamen zum Stehen. Sie löste eine Hand aus der Umklammerung und führte sie ans Visier ihres Helms, um es hochzuklappen. "Was ist denn los? Was ist passiert? Wir müssen doch weiter! Wir haben es noch nicht geschafft. Der Sturm ist schon fast da!" Sie wandte sich um und ihre angstgeweiteten Augen suchten die schwarze Woge aus Blitzen und Dunkelheit, die nun mit schwerfälliger, aber brutaler Gewalt über ihnen zusammenbrach. Das gleißende Licht eines Blitzes versengte ihre Netzhaut und der Schlag des Donners über ihren Köpfen zerriss ihr Trommelfell. Sie konnte in der schnell hereinbrechenden Dunkelheit die Hände des Fahrers erkennen, die ihr das Zeichen zum Absteigen gaben. Mit steifen Bewegungen tat sie, wie ihr geheißen. Er sah sie an. Sie konnte seine Gesichtszüge nicht erkennen, aber seine Augen funkelten in der Dunkelheit. "Es ist zu spät. Wir haben das Rennen verloren. Der Sturm ist bereits da.", rief er ihr zu. Sie nickte und wischte sich Tränen und Schweiß aus dem Gesicht. "Ja. Ja, du hast Recht. Wahrscheinlich ist es ausweglos", murmelte sie. Ein erneuter Donnerschlag ließ ihre Worte ungehört zurück. "Wenigstens haben wir es versucht, nicht wahr? Wir haben es versucht!", schrie sie, lachte laut auf und hob ihre Handflächen zum Himmel, wie um den Regen zu begrüßen. "Wir haben es versucht, hört ihr? Wir haben es versucht!"
In der kleinen Stadt hatte in jener Nacht kaum ein Mensch ein Auge zugetan. Das Heulen des Sturmes, die Sorge um all das Hab und Gut, welches schutzlos den Naturgewalten ausgeliefert war, das endlose Grollen des Donners, die zuckenden Lichter, hatte sie alle wach gehalten. Am nächsten Morgen, der grau und kalt einen weiteren Tag ankündigte, machte man sich daran, die Schäden zu beseitigen. Die unartigen Kinder, deren Beteuerungen man keinen Glauben geschenkt hatte, steckten auf dem Pausenhof die Köpfe zusammen und erfuhren voneinander, dass es Zwei gab, die versucht hatten zu fliehen. Und sie hofften, dass sie es geschafft hätten.



texte von anna maria brinkel

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