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malte reimold
Das Dorf

Seit einigen Jahren wohne ich nun schon hier in diesem Dorf, doch ein leichtes Gefühl der Fremdheit ist geblieben.
Damals wurde mir hier eine für meine Verhältnisse sehr gute Stellung in der das Dorf wie ein urzeitliches Tier überragenden Fabrik angeboten, die ich in meiner damals schwierigen Situation dankbar annahm, ohne weiteres den weiten Umzug in diese gottverlassene Gegend in Kauf nehmend.
Ich hatte immer das Gefühl, völlig abseits der Welt zu sein, und dabei kann man über die Landstraße innerhalb von zwanzig Minuten die nächste große Stadt erreichen, über die seit kurzem fertiggestellte Autobahn gar dauert es nur noch eine Viertelstunde.
Vielleicht ist es auch das Wissen darum, daß vor fünfzig Jahren noch das Dorf umgeben von Mooren und Sümpfen war, die heute aber sämtlich trockengelegt sind und teilweise der Torfgewinnung dienen.
Vielleicht sind es die Nebel, die seltsam häufig noch aus ehemaligen Sümpfen über das Dorf ziehen, als wollten sie diese fünfzig Jahre vergessen machen.
Etwas hier ist mir fremd. Man wird mich einen Narren nennen, wenn ich sage, die Menschen des Dorfes, sie seien anderer Art, und doch könnte ich sie aus Tausenden erkennen, obwohl ich nicht benennen könnte, was an ihnen anders wäre.
Es sind eher kühle und zurückhaltende, vielleicht auch verschlossen Menschen, und doch hatte ich hier Freunde gefunden, mit denen ich abends Karten spielte, meine Tochter besucht die hiesige Grundschule, und meine Frau trifft sich mit Nachbarsfrauen zum Kaffeetrinken.
Ein leises Gefühl der Fremdheit aber mochte mich nie verlassen, ein Gefühl von Augen, die sich nach einem umdrehen, ich kann es nicht erklären, und vielleicht bin ich auch paranoid, wie meine Frau mir vorwirft.
Tatsächlich war ich immer schon etwas ängstlich, vermochte das früher aber gut zu unterdrücken. Seit ich jedoch hier wohne, ist die Angst immer stärker geworden, daß ich mich, gehe ich durch die Straßen, regelmäßig umschaue.
Meine Ängstlichkeit ist vielleicht mitverantwortlich für meine Verwirrung.
Was diese Fabrik herstellt, ich weiß es bis heute nicht, muß aber gestehen, daß ich nie den Mut hatte, nachzufragen, und auch sind mir selbst die Maschinen fern und fremd, denn ich arbeite in der Verwaltung.
Hätte ich es nicht wissen müssen, hätte man es mir nicht sagen müssen?
Aus all den Unterlagen, die im Laufe der Jahre über meinen Schreibtisch gegangen sind, konnte ich doch nichts ersehen, heute bin ich mir auch gar nicht mehr sicher, was ich überhaupt dort getan habe.
Und nun habe ich meine Arbeit gekündigt, nie wieder werde ich hier arbeiten, denn dies ist passiert:
Ich habe mir, seit wir einen Hund kauften, auch als Spielgefährten für meine Tochter, angewöhnt, jeden Abend, bevor ich ins Bett gehe, mit dem Tier eine Runde im Wohngebiet spazierenzugehen.
Gestern abend nun, schon auf Mitternacht zu, ging ich wieder diese Runde. Es war finsterste Nacht, doch tief am Himmel stand ein roter Mond wie von Blut, und selten eisig strich der Wind zwischen den kahlen Bäumen hindurch, daß mich fröstelte.
Der Hund, gewöhnlich ein temperamentvolles Tier, hielt sich hart an meiner Seite, die schwarzen Augen starr den Weg entlang gerichtet. Meine jedoch irrten umher, die Schatten entlang, die die wenigen grellen Straßenlaternen in die Weiten unbelebter Straßen warfen.
Es war dieses Gefühl, diese Angst, das Gefühl von Augen, von Blicken, die einem folgen.
Man darf sich nicht umdrehen.
Ich achtete auf die Schatten. War ich an einer Laterne vorbeigegangen und sah meinen Schatten entstehen und länger und immer länger werden, da glaubte ich im Augenwinkel die huschenden, die schleichenden Schatten der Verfolger zu sehen.
Man darf sich nicht umdrehen. Umdrehen, das heißt die Deckung aufgeben, der Blick nach vorne ist unsere Sicherheit, das ist ein Weg den man gehen kann, wer sich erst umdreht, er ist verloren, denn der Weg ist verloren.
Ich ging schneller, das Echo meiner Schritte hallte von den Wänden der immer ähnlichen, dunklen Häuser wieder.
Im Himmel stand der Blutmond.
Wann würden meine Verfolger mich erreicht haben? Könnte ich ihnen noch entkommen, würde ich erst rennen, oder würde sich dort etwas in den Rücken bohren, wo nun ihre stechenden Blicke ruhten?
Ich drehte mich um.
Ich hatte mich nicht geirrt. Verfolger waren hinter mir, unzählige, jeder hielt hoch in der Hand eine brennende Fackel. Im flackernden Feuer konnte ich sie nicht erkennen, und noch waren sie ein gutes Stück entfernt, doch sie kamen näher, lautlos.
Ich begann zu rennen.
Als ich mich nun umdrehte, den Blick wieder nach vorne, da sah ich zu meinem Schrecken, daß nun auch vor mir Menschen mit Fackeln waren.
Es war aussichtslos, wer sich erst umgedreht hat, es führt kein Weg zurück.
Aber vielleicht0 war noch nicht alles verloren. Noch war dort eine Seitenstraße, ich stürzte hinein - es war vergeblich - auch hier warteten sie. Es gibt kein Entrinnen.
Ich war stehengeblieben. Die lodernden Feuer in ihren Händen ließen wirre Schatten am Boden tanzen. Langsam kamen sie näher, nun erkannte ich sie - es waren die Menschen des Dorfes, ihre Gesichter waren starr, doch im flackernden Licht der Fackeln schienen sie zu sich stetig ändernden Grimassen verzerrt.
Ich rief sie an, Freunde von mir, ich rief sie mit Namen an.
Sie reagierten nicht. Ihre glänzenden, toten Augen in ihren Dämonengesichtern starr auf mich gerichtet kamen sie langsam näher, daß ich schon die Hitze der Fackeln spürte.
Ich schrie, man sollte mir helfen, man sollte aus den Häusern stürzen und mir helfen - es war nutzlos, die Fenster blieben dunkel. Meine Stimme versagte, immer näher kamen sie.
Hier hört meine Erinnerung auf.
Was noch geschehen sein mag, ich habe es vergessen, und ich möchte es auch nie erfahren.
Im Grauen des Morgens erwachte ich von Kälte geschüttelt vor meiner Haustür. Der Hund ist verschwunden.
In der Tasche meiner Jacke habe ich von außen ein Ding ertastet, ich will nicht wissen, was es ist.
Meiner Tochter habe ich verboten, zur Schule zu gehen. Bei der Fabrik habe ich angerufen und gekündigt. Sie sagten, sie wüßten es bereits.
In größter Eile packe ich das Nötigste zusammen, keine weitere Nacht möchte ich in diesem Dorf bleiben. Eben habe ich aus dem Fenster geschaut. In einem weiten Kreis stehen um unser Haus herum schweigend und bewegungslos die Einwohner des Dorfes.

texte von malte reimold 

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