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malte reimold
Versuch, nach Arnsberg zu fahren

Wenn man mit dem Auto von Bochum nach Arnsberg fahren will, ist es eigentlich recht einfach. Man fährt in Bochum auf die A40 in Richtung Dortmund und auch wenn diese Straße sich nach Bochum in die B1 und nach Dortmund in die A44 verwandelt, muß man doch immer nur geradeaus fahren. Nachdem man Dortmund verlassen hat, wird das Land immer welliger. Erst bei Werl wird die Autobahn gewechselt, man fährt dann auf eine, deren Nummer mir entfallen ist, es ist eine dreistellige Nummer, die mit einer vier beginnt, dessen bin ich mir sicher. Nach dem Autobahnkreuz geht es zuerst ein gutes Stück recht steil bergauf, daß es mit meinem alten Auto immer schwierig ist, zu beschleunigen, am Zenit fährt man unter einer hohen Brücke hindurch und dann geht es zwischen bewaldeten Höhen ähnlich steil hinab ins Tal, das sich zur rechten ausbreitet. Dann ist es nicht mehr weit bis nach Arnsberg.
Ich kenne diese Strecke genau. Ich fahre sie gleichsam automatisch, sie ist mir sprichwörtlich in Fleisch und Blut übergegangen. Und ich fuhr sie auch wie immer, die steile Kurve zwischen Bochum und Dortmund, wo die blaue Tankstelle ist, unter der Fußgängerbrücke hindurch, die immer bei Dunkelheit farbig beleuchtet ist. Schließlich über die lange Brücke, von der aus sich Dortmund gleichsam unverhofft ausbreitet, mit dem Westfalenstadion auf der rechten Seite und der Westfalenhalle, auf deren Spitze sich ein U dreht, und dahinter im Dunst der Fernsehturm.
Die immer noch zweispurige Straße wird dann zur Allee und mit der Zeit nähert sich die Geschwindigkeit der Fahrzeuge den vorgeschriebenen siebzig Stundenkilometern.
Ich bin mir sicher, all das auch heute gesehen zu haben, aber ich habe das Gefühl, meine Erinnerung könnte mir einen Streich spielen. Ist es die Erinnerung von heute oder die von einem der unzähligen Male zuvor? Ich zweifele. Und trotzdem ist es der Teil der Erinnerung, dem ich noch am weitesten traue. Habe ich die Straßenbahnstationen, die in der Mitte der Straße liegen, gesehen? Habe ich das Hochhaus der kassenärztlichen Vereinigung gesehen, über das sich meine Mutter immer aufgeregt hat, das seltsame Hotel auf der linken Seite, das Hochhaus mit der verblichenen Kronen-Bier-Werbung? Habe ich etwas davon gesehen? Ich bin mir nicht sicher.
Meine Überlegungen scheinen absurd zu sein. Ich bin durch Dortmund gefahren, ich muß durch Dortmund gefahren sein, denn wo ich bin, es scheint das Land hinter Dortmund zu sein. Felder, Dörfer kann man hinter dem Grün, das die Autobahn einfasst, erahnen. Die unsäglich häßlichen Windräder überragen es.
Aber diese Überlegungen haben ihren Grund, denn ich bin mir nicht sicher. (Könnte ich meine Erinnerung mit dem heutigen Tag in Verbindung bringen, dann wäre ich vielleicht nicht so verwirrt.)
Eben bin ich an einer Tankstelle vorbeigekommen, rot und gelb, etwas heruntergekommen. An diese Tankstelle erinnere ich mich nicht. Aber weshalb sollte ich mich an etwas an diesem Weg nicht erinnern, wenn ich doch jedes Detail mir ins Gedächtnis rufen kann? Die Tankstelle kann nicht neu sein, sie sah nicht so aus, eher so, als wäre es an der Zeit, sie zu erneuern.
Die Tankstelle war nur der Beginn meiner Verwirrung, denn, und das gibt mir viel mehr zu denken, ebensowenig konnte ich etwas mit dem Namen der nächsten Ausfahrt verbinden. Würde ich doch wenigstens wissen, wie die Ausfahrt heißen müßte, dann wüßte ich, daß ich mich verfahren habe und könnte zurückfahren, aber in meiner Erinnerung fehlt diese Information. Es könnte richtig sein, es gibt Argumente, die dafür sprechen. Ich bin meines Wissens immer geradeaus gefahren, aber wenn ich bedenke, daß ich mich an die Fahrt nicht erinnere, kann ich mir auch dessen nicht sicher sein. Aber ich halte es für wahrscheinlich.
Auf der anderen Seite denke ich, daß selbst wenn ich mich nicht direkt an den Namen der Ausfahrt erinnern kann, er mir doch wenigstens, als ich ihn sah, bekannt hätte vorkommen müssen.
Vielleicht bin ich auch zu weit gefahren, vielleicht liegt das, was ich kenne, bereits hinter mir. Vielleicht war ich, gedankenlos durch endlose Routine geworden, an der Ausfahrt oder dem Autobahnkreuz vorbeigefahren.
Über diese Gedanken war ich immer langsamer geworden, weil ich im haltlosen Grün am Rand der Autobahn nach etwas suchte, das mir in meiner Unsicherheit geholfen hätte. Mir ist aufgefallen, daß kleine Schilder mit Zahlen am Rand der Autobahn in regelmäßigen Abständen stehen, aber sie sagen mir nichts. Eine Hinweistafel, auf der die nächste Ausfahrt oder Abstände zu großen Städten gestanden hätten, kam nicht. Eine Ewigkeit bin ich gefahren, während ich danach Ausschau hielt, aber es mag mir auch nur so lang vorgekommen sein.
Jetzt steht mein Auto auf dem Seitenstreifen.
Es ist absurd, weiterzufahren, wenn man nicht weiß, wo man ist oder wo man hinfährt.
Der Verkehr rast links an mir vorbei.
Im Rückspiegel sehe ich die Autos auf mich zukommen. In der Windschutzscheibe sehe ich, wie sie sich entfernen. Ich versuche, die Gesichter der Menschen zu erkennen, aber es ist immer nur ein Augenblick, und ich habe den Eindruck, nur Masken zu sehen, die nach vorne starren. Ich frage mich, ob diese Menschen wissen, wo sie sind oder wohin sie sich bewegen.

texte von malte reimold 

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