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marcel schmutzler
Blinde Wächter

Es war einmal ein König, der in seinem Palast ungeheure Reichtümer barg. Zu ihrem Schutz hatte er keine anderen Wächter außer zwei Blinden vor den Toren seines Palastes aufgestellt. In seinem Reich löste das große Verwunderung aus, doch zeigte es sich, daß diese blinden Wächter sich jedem Feind entgegenstellten, den ihr scharfes Gehör ausfindig machte, unbeeindruckt sowohl von Anzahl und Stärke der Gegner.
Eines Tages gelangte eine Bande von Plünderern in die Nähe des Palastes. Sie vermuteten leichte Beute, als sie sahen, daß nur zwei einsame Soldaten das Tor bewachten, und beschlossen umgehend, die Reichtümer des Königs an sich zu reißen. Sie warteten den Schutz der Dunkelheit ab, aus Furcht davor, daß die beiden Wachen sie bemerken und andere aus dem Palast zu ihrer Hilfe herbeirufen könnten. Erst dann schlichen sie an das Tor heran. Doch dem scharfen Gehör der Blinden konnten sie nicht entgehen. Die beiden Kämpfer stürmten auf die Banditen zu, durch die geringe Lautstärke der Eindringlinge nur eine kleine Gruppe von Gegnern vermutend. Überrumpelt von einer solchen Verwegenheit suchten die Banditen ihr Heil in der Flucht, in dem Glauben, daß solcher Mut seinen Ursprung nur in den Zauberkünsten des Königs haben konnte.
Unweit des Palastes beobachtete ein junger Reisender diese seltsame Begebenheit. Es gierte ihn nach neuen Erlebnissen und so beschloß er, dort erfolgreich zu sein, wo die Banditen gescheitert waren. Schnell fand er den wahren Grund für das außergewöhnliche Gebaren der Wächter, und er erdachte einen Plan, wie er ihre Stärke wieder zu ihrer Schwäche machen konnte.
Daraufhin begann er, alles zusammenzutragen, was in irgendeiner Weise Lärm verursachte, aber noch immer handlich genug war, um es tragen zu können. Damit behängte er nun seine Rüstung, bis er eben noch in ihr laufen konnte, und brach zum Palast des Königs auf. In Hörweite der Wächter setzte er zum Sturm an. Seine Rüstung klirrte und schepperte und machte einen schrecklichen Lärm. Dazu blies er sein Horn, wie es vagabundierende Räuberbanden zum Angriff zu tun pflegen. Erschreckt und verängstigt durch einen solchen Kampfkrach suchten die Blinden ihr Heil in der Flucht. So aber gewährten sie dem jungen Mann Einlaß in den Palast ihres Königs.

texte von marcel schmutzler 

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