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marcel schmutzler
Furcht
Immer weiter hetzt er in die Finsternis zwischen riesenhaften Bäumen. Nichts als das eigene Keuchen dringt an seine Ohren. Baum um Baum zieht aus dem Dunkel an ihm vorbei und verschwindet in der Leere. Knorrige Äste schlagen ihre blattlosen Fänge nach ihm. Den hölzernen Grimassen entströmt leises Gelächter. Etwas schlingt nach seinen Beinen. Er fällt. Während er Wurzeln und Steine sich in seinen Körper bohren fühlt, aber auch nasses Laub, das sein Gesicht wie ein Kissen umhüllt, durchbricht ein grauenvoller Lärm das Wispern des Waldes. Etwas bahnt sich durch das dichte Geäst seinen Weg auf ihn zu. Stämme bersten, von lautem Schreien begleitet. Angst haucht seinem schlaftrunkenen Körper neues Leben ein. Er hetzt weiter. Nur vorwärts! Sein Verfolger treibt ihn tiefer und tiefer in die Finsternis. Aber so schnell er auch zu rennen glaubt, sein Verfolger wird nicht leiser.
Alles um ihn herum scheint gleich. Nichts als Bäume. Schwindel ergreift ihn. – Bewege ich mich überhaupt noch? Die Beine scheinen wie Wurzeln in den Boden zu treiben. Schwer zerrt er sie vom Boden empor und setzt bleiern Schritt vor Schritt. Die Kälte des Bodens klimmt langsam an ihm empor. – Nicht aufgeben! Nicht stehenbleiben! Doch mit jedem weiteren Meter schwindet der Atem weiter. Immer noch tobt hinter ihm der schreckliche Lärm seines Verfolgers. War er näher gekommen? Vielleicht schon direkt in seinem Rücken?
– Dieses Mal bin ich verloren. Die letzte Kraft verläßt seinen Körper. In sein Schicksal ergeben spürt er sich zu Boden sinken, fühlt den feuchten Boden näher kommen. Alles um ihn herum zerfließt zu einer einzigen Schwärze. Da erscheint in der Ferne ein Licht. Nur ein Punkt. Ein schwacher Fleck. Oder führen ihn seine verwirrten Sinne in die Irre? Beinahe verliert er den Verstand, während er auf das Licht blickt, das langsam vor ihm zu kreisen beginnt.
Wie er wieder auf die Beine gekommen ist, weiß er nicht. Doch er läuft. Wie lange er gelaufen ist, bis die letzten Bäume endlich den Blick auf das offene Land freigeben, kann er nicht sagen. Die Felder. Die Hügel. Der Mond, der tief über dem Horizont hängt. Er hält nicht an, bevor die letzten Baumwipfel außer Sichtweite sind. Hinter ihm hallt noch einige Zeit der Lärm seines Verfolgers aus dem Dickicht, aber er folgt ihm nicht. Schließlich erstirbt er in der Ferne.
Die Sonne schickt sich an, ihr Tagewerk zu beenden. Er ist an den Rand des Waldes zurückgekehrt. Wie schon so oft zuvor steht er inmitten der weiten Felder. Langsam setzt er einen Schritt vor den anderen. Noch einige Augenblicke hört man ihn über den laubbedeckten Boden gehen und das Rascheln der Zweige. Dann wird es still.

