>>>texte<<<
tobias kiwitt
Warten auf neue Zeiten
Ein Bild aus alten Tagen. Ein Zug an Nazis zieht durch das Brandenburger Tor in Richtung Siegessäule - erstmalig nach dem Kriegsende wieder flatternde Hakenkreuzfahnen auf braunem Emblem.
"Das Bild geht mir nicht aus dem Sinn," entgegnete er mir, ein älterer Herr, der neben mir auf den Bus wartete, die Gruppe Rechtsradikaler an uns vorbeimarschierend, "...diese jungen Menschen wissen überhaupt nicht, was sie grölen."
Der Regen plätscherte von dem Dach der Haltestellenunterkunft mit solcher Wucht in den Fluss des Regenwassers am Straßenrand, dass Wassertropfen empor glitten und dabei unsere Schuhe trafen. Nach ungefähr zehn Minuten war die Gruppe vorbeimarschiert, es war wieder still, die Autos konnten die Fahrbahn wieder befahren. Lediglich die Schuhabdrücke der Springerstiefel, die zuvor durch eine Morast gewandert sein mußten, schmückten den Straßenasphalt. Polizisten räumten Barrikaden ab, die zum Ziel hatten, die Gruppe der Demonstrierenden zu schützen.
"Dieses Bild erinnert mich an alte Tage," seufzte der Unbekannte, "ich habe mich soeben in dieser Menschenmasse gesucht und sah mich zu Tausenden. Ich, marschierend in eine neue Zeit, mit dem Hitlergruß und der Nazifahne, war unter ihnen." Dem Alten wichen Tränen aus den Augen. "Nicht schon wieder! - So riss mich ein Geschrei aus meinen Gedanken. Wissen Sie überhaupt, was wir alles wußten und auch duldeten?", fragte er mich verschämt. Ich schaute ihn interessiert an. "Glauben Sie nicht, wir hätten nichts gewußt von Rassenmord und KZ, wir, ohne denen dieses Unheil gar nicht möglich war!" Und er erzählte mir von seinem Einsatz an der Ostfront, von den Festnahmen der Juden und seinem zeitweiligen Einsatz im Ghetto. Fast täglich kamen neue Juden und alte gingen. "Wohin, das wußte hier jeder..."
Der Bus hatte Verspätung, da Barrikaden alle Zufahrtsstraßen zur Hauptstraße säumten. "Nichts gewußt!", schmunzelte der Mann und schüttelte abwegig den Kopf, "Nichts gewußt vom Massenmord an den Juden!". Er drückte seine Kippe auf dem Gehweg aus. "Jetzt ist ja alles besser!", entgegnete ich ihm, um ihn zu trösten. "Alles ist vorbei und wieder gut. Lediglich vor diesen...", und ich zeigte auf die Fußabdrücke auf der Straße, die trotz des Regens noch nicht weggewischt waren, "...werden wir uns schützen müssen."
"Nach dem Krieg arbeitete ich für UNICEF", fuhr er fort. Getötet habe er all die Jahre zwar nicht, sagte er mir, aber nachdem er, wie fast alle Deutschen, von diesem kalten Traum aufgeweckt worden sei, sehnte er sich nach Menschenrechten. "Ich ließ mich nach Indien und später nach Indonesien versetzen. Wieder sah ich Leid, aber hier konnte ich nicht nur helfen, sondern war auch dafür bestimmt. Dieses Leid hier, unterschied sich nur geringfügig vom Ghettoleid. Es kamen immer neue Menschen, und nur durch den Tod kam man aus diesem Elendsviertel wieder heraus. Es war schlimm, Malaria und Hunger regierten das Land, aber es war meine schönste Lebenszeit."
Der weltkundige Mann guckte mich an, als ob er ein Trostwort von mir erwartete. Ich schwieg. Dann erinnerte er sich wohl wieder an meinen Trostsatz von vorhin. "Heute ist alles wieder gut?", lachte er, "wir wissen ganz genau, was sich in Drittstaaten abspielt, auch wenn man nicht gerade Mitarbeiter von UNICEF ist." Ich nickte. "Ja, die Zeiten haben sich kaum geändert, - nichts gewußt von der Verletzung der Menschenrechte und Menschenwürde...", sagte ich mitleidsvoll, als der Bus die Kreuzung überquerte und mit seinen schmutzigen Reifen gerade Spuren quer über den Abdrücken der Springerstiefel hinterließ.

