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winfried krakor
Der Slip
Es war 10:30 Uhr Samstag morgens als Marion das Modekaufhaus in der Innenstadt betrat. Sie ging auf die Rolltreppe zu, die sie in die zweite Etage beförderte. Dort oben angelangt, begab sie sich in die Damenabteilung, wo sie in dem Bereich Unterwäsche halt machte.
Sie blieb an einem Wühltisch stehen, der mit gebündelten Slips gefühlt war. Es waren regelrechte Pakete die zusammengeschnürt auf den verschiedenen Tischen lagen. Es gab auch Slips die man einzeln kaufen konnte. Sie unterschieden sich in Größen, Formen, Farben und Stoffen. Es gab welche mit Muster, welche mit Blümchen und manche in Übergröße und wiederum andere, die fast durchsichtig schienen. Ganz andere sahen so aus, als hätten sie die Farbe und die Form eines Kartoffelsacks angenommen, womit vielleicht Sumoringer damit ausgestattet werden konnten . Weitere Unterhöschen sahen so aus, als wären sie extra für Omas Hintern gemacht, damit ihr gereifter Popo an kalten Novembertagen, wenn sie an der Bushaltestelle steht, nicht erzittern muss. Doch keines dieser Unterwäschemodelle sagte ihr von der Form und der Farbe zu. Marion suchte etwas Bestimmtes. Auf einem anderen Wühltisch lagen Markenslips und auf einem weiteren waren Slips für die ganz Mutigen. Nicht dass sie enger und knapper in der Form waren, es stand sogar darauf , was erlaubt ist und was nicht. Auf manchen waren Straßenverkehrsschilder abgebildet.
"Parken verboten", "Verbot der Einfahrt" oder die"Sackgasse", was Marion ganz passend und witzig fand. Als sie sich vom Warentisch abwandte, sah sie eine junge Frau mit einem Slip zur Kasse gehen. Sie hatte einen buschfarbenen Slip in der Hand, der zu ihren BH passen würde. Sie sah in die Richtung, wo die Frau kam und sah ein Schild von der Decke hängen, das mit den Wort "Sonderangebot" die Kunden locken sollte. Sie konnte aber nicht erkennen, worum es sich handelte. Daraufhin umging sie die ganzen Wühltische, die ihr unsymmetrisch den Weg versperrten. Beim Näherkommen sah sie, dass es sich um reduzierte Einzellteile handelte. Parallel daneben lag ein großer Stapel Damenunterwäsche. Sie suchte nach dem Slip in der Farbe, was die Frau ausgewählt hatte. Sie wühlte mit beiden Händen so verzweifelt, als hätte sie vorhin ihr Portemonnaie in dem Berg aus Unterwäsche verloren. Als sie mit dem Suchen aufgeben wollte, vernahm sie plötzlich eine Männerstimme: "Wie wäre es damit ?"
Marion blickte hoch und sah einen jungen Mann auf der anderen Seite des Tisches stehen. Er hielt mit der rechten Hand einen buschfarbenen Slip hoch. Genau den Slip, der Marion fast um den Verstand gebracht hatte. Sie schaute den Mann prüfend an.
"Meinen Sie mich?" vergewisserte sie sich.
Hatte er nicht seine Frau oder Freundin damit gemeint, die vielleicht irgendwo in den weiten Areal der Unkleidekabinen sie sich versteckt hielt, wo sie sich gerade in irgendwelche engen Jeans hineinzwängte.
"Ja, ich meine Sie," antwortete der Mann monoton.
Sie fand die Situation langsam lächerlich und fing an zu grinsen.
"Sie sehen komisch aus mit ausgestrecktem Arm. Wenn sie ihn noch höher halten, denkt ihre Freundin vielleicht das ist ihrer."
So, dem habe ich es jetzt gegeben, dachte sich Marion und fühlte sich in Siegerlaune. Diese buschfarbene Unterwäsche würde ihre sein. Nach diesen Worten erwartete sie, dass sie ihren Teil bald in Empfang nehmen dürfte und wartete auf eine Reaktion von Seiten des jungen Herren, der irgendwie sympathisch wirkte. Doch das Bild von ihm, mit dem Slip in der Hand machte alles zunichte. "Vielleicht ist das ein Fetischist, der krankhaft versucht fremden Frauen in Kaufhäusern Slips anzudrehen. Ja! Womöglich hat der seine Nase schon da rein gesteckt und wer weiß was noch?" Sie konnte nicht weiterdenken. Ihr Unbehagen wurde durch seine Worte unterbrochen.
"Wollen sie das gute Stück nun oder nicht?", fragte der Mann, als wäre es ihre letzte Chance.
Der Mann neigte seinen Kopf zur Seite und sie merkte, dass er sie jetzt prüfend anschaute.
"Ich will ihnen nicht den Spaß beim Einkaufen verderben, aber ich bin sicher, dass dieses schöne Stück ihnen stehen würde", und übergab ihr den Slip.
"Es wäre schön, wenn sie an mich denken, wenn sie den Slip anhaben." Er verabschiedete sich mit einer Handbewegung und begab sich Richtung Rolltreppen. Marion sah ihm nach, wie er die Damenabteilung verließ. Sie sah den Slip an und merkte, dass es die passende Größe war. Komischer Kauz, dachte Marion. Aber gut das er den Slip gefunden hat, den ich suchte und begab sich zur Kasse.

