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winfried krakor
Geheimnisse
"Eine Schatzkiste" rief ich euphorisch und starrte fasziniert auf das Gefundene.
Einen wirklichen Schatz in Form von Gold und Edelsteinen würde die einfache Holzkiste, die nicht größer war als ein Schuhkarton, wohl nicht verbergen. Das merkte ich an dem leichten Gewicht, als ich sie das erste Mal in der Hand hielt.
"Was da wohl drin ist?"
Ich verzog meinen Mundwinkel und versuchte mit Spannung ein Rätsel zu lösen, das Geheimnis der dreckigen Holzkiste zu lüften.
Ich beschloss vor Sonnenuntergang noch einmal wiederzukommen und freute mich schon irrsinnig darauf. Nicht nur weil ich sehr gespannt auf die Lösung eines Rätsels war. Nein, ich freute mich noch vielmehr darüber, dass ich jetzt schon ein Geheimnis gelüftet hatte.
Ich atmete schwer, als ich die Tür hinter mir schloss. Dieser kleine Spurt zwischen Haustür und dem Waldrand, wo ich die Holzkiste versteckt hielt, ließe sich sicherlich nicht langsamer gestalten. Nur so ließ sich meine Entdeckung von meinen neugierigen Eltern geheim halten.
Ich setzte mich auf einen Hocker, schaute auf die Holzkiste und ein tiefes Schweigen herrschte zwischen der Holzkiste und mir. Als ob ich jetzt vor einem schweren Tresor stand, wo höchste Präzision verlangt wurde.
Ich stand auf und griff mir die aus Holz geschnitzte Figur, die auf meinem Schreibtisch stand. Ich hatte sie zufällig auf einem Trödelmarkt in unserem kleinem Dorf erworben. Ich drehte sie um und holte aus der Unterseite der hohlen Figur, die einen Engel darstellt, ein Stück Papier hervor und legte es auf meinem Schreibtisch. Es war nicht viel auf dem alten Stück Papier zu erkennen. Nur ein Kreuz in der Mitte und von Hand drei gezeichnete Bäume. Von den Bäumen zu dem gezeichneten Kreuz steht eine Zahl geschrieben. Auffällig ist, dass am Blattrand eine vierte Zahl steht.
"1944"
Warum vergräbt jemand eine Holzkiste 1944? War hier ein Schauplatz des Zweiten Weltkriegs?
Ich schaute auf die Holzkiste und besann mich wieder auf das, was ich vorhatte. Das Öffnen der Holzkiste.
Ich griff nach dem Werkzeugkasten, den ich mir vorher aus dem Schuppen geholt hatte. Ich wählte einen großen und breiten Schraubendreher und setze ihn zwischen den dünn vernagelten Brettern an. Ich drückte mit aller Kraft gegen diesen schmalen Spalt, mein Schraubendreher wirkte wie ein Keil und das vernagelte Stück Holz ließ nach. Ich legte das Werkzeug weg, nahm die ganze Holzkiste und ging in die Mitte des Zimmers, wo die Zimmerlampe hang. Ich hielt die Kiste in Kopfhöhe hin und versuchte in der Dunkelheit der inneren Kiste mit Hilfe des Lichteinfalls etwas sichtbares zu erblicken, wo zeitgleich das Stück Holz weiter nachgab. Plötzlich brach das Stück Holz ab und durch dieses unerwartete Geschehen rutschten Teile aus dem Innern der Kiste heraus. Ich erschreckte mich so sehr, dass ich die ganze Kiste fallen ließ. Beim Aufprall auf den Boden brach sie buchstäblich in sich zusammen. Ich bückte mich und dabei sah ich auf den zweiten Blick im Innern des morschen Holzhaufen, wie ein Stück Papier zum Vorschein kam. Ich zog das Papier vorsichtig heraus. Das Papier war gelblich, alt und es roch muffig. Ich faltete es auseinander und las.
Der Winter ist hart. Ich habe versucht, was ich konnte. Verzeihe mir, mein kleiner Freund. Ich hätte dich liegen lassen sollen, dann wären uns Qualen erspart geblieben. Ich habe versagt. Du warst mehr als nur ein Spielgefährte. Du warst mein Kamerad. Mein Engel wird dich immer begleiten, wo du auch bist. Ich werde dich nicht vergessen.
gez. U. M.
Ich blickte auf die Holztrümmer und entdeckte einen kleinen Schädel mit einem ausgeprägten Schnabel - vermutlich von einem Raubvogel.

